Konzept

Aufgaben und Angebote | Leitbilder, Ziele und Arbeitsgrundsätze | Infrastruktur und Vernetzung | Forderungen und Erfolge

30 Jahre Vernetzung der Frauen-Notrufe in NRW - 1986 bis 2016

Der Landesverband autonomer Frauen-Notrufe NRW e.V. wurde Ende 2015 von den Mitgliedern der seit 1996 bestehenden Landesarbeitsgemeinschaft autonomer Frauen-Notrufe in NRW gegründet. Diese wiederum hatte sich aus der bereits seit 1986 bestehenden Zusammenarbeit lokaler Frauen-Notrufe in NRW konstituiert.


I. Aufgaben und Angebote

Zentrale und übergeordnete Aufgaben und Angebote der Frauen-Notrufe sind:

  • kostenlose, anonyme und parteiliche Beratung und Krisenintervention in Fällen sexualisierter Gewalt
  • Prozessvorbereitung und -begleitung
  • Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit
  • Institutionelle Vernetzung
  • Informationsvermittlung.

Je nach örtlichem Schwerpunkt stellen die Frauen-Notrufe darüber hinaus folgende Angebote zur Verfügung:

  • Beratung von Angehörigen und Fachkräften
  • Spezielle Angebote für Migrantinnen, muttersprachliche und mehrsprachige Beratungen
  • Spezielle Präventionsprojekte (Angebote für Schulen, Kindergärten und andere Institutionen)
  • Fort- und Weiterbildungen für unterschiedliche Berufsgruppen
  • Fachveröffentlichungen
  • Therapie- und Selbsthilfegruppen.

Die Mitarbeiterinnen der Frauen-Notrufe garantieren durch fachliche Ausbildungen, therapeutische Zusatzausbildungen, intensive Fort- und Weiterbildungen, regelmäßige Supervision und kollegialen Austausch für die fachliche Qualität und Weiterentwicklung des Angebotes.

LAG-Fachtagung 2004 in Dortmund

Die Verknüpfung von kurzfristiger Intervention, langfristiger Hilfe und breiter Informationsarbeit gegen sexuelle Gewalt ermöglicht es den Frauen-Notrufen, ein einzigartiges und qualifiziertes Fachangebot zur Verfügung zu stellen. Dieses wird sowohl von betroffenen Frauen und Mädchen und ihren Angehörigen, als auch von Institutionen und Fachkräften intensiv nachgefragt.

 

II. Leitbilder, Ziele und Arbeitsgrundsätze

1. Leitbilder und Ziele

Frauen-Notrufe engagieren sich seit rund 30 Jahren in dem gesellschaftlichen Themenfeld "Sexualisierte Gewalt". In den Einrichtungen arbeiten (bezahlte und unbezahlte) Fachfrauen mit feministisch-parteilicher Einstellung auf gesellschaftspolitischer Ebene und bieten betroffenen Frauen ein umfassendes Hilfs- und Beratungskonzept.
In vielen Frauen-Notrufen richtet sich das Angebot auch an Mädchen.
Sexualisierte Gewalt umfasst Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuellen Missbrauch ebenso wie alltägliche Belästigungen oder organisierte Formen sexualisierter Gewalt. Sexualisierte Gewalthandlungen gegen Frauen und Mädchen stellen Übergriffe auf ihre körperliche und seelische Integrität dar; es handelt sich primär um Angriffe auf ihr Selbstbestimmungsrecht. Die zentrale Motivation der Täter besteht in der Ausübung von Macht und Gewalt über Frauen und Mädchen. Der Einsatz von sexuellen Handlungen bei der Gewaltausübung stellt eine Verschärfung der Gewalttätigkeit dar.
Frauen-Notrufe verstehen sexualisierte Männergewalt als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Langfristige Ziele der Arbeit sind daher die Veränderung struktureller Ursachen der Gewalt und die Schaffung einer selbstbestimmten und gewaltfreien Lebenswirklichkeit für Frauen und Mädchen. Leitende Handlungsprinzipien in der konkreten Arbeit sind die Verbesserung der Situation der Betroffenen, der Aufbau neuer Lebensperspektiven durch unterschiedliche Hilfsangebote und die Sensibilisierung einer breiten gesellschaftlichen Öffentlichkeit sowie verschiedener Berufsgruppen und Fachkreise für das Thema sexualisierte Gewalt.

2. Spezifischer Ansatz der Frauen-Notruf-Arbeit

Die Spezialisierung auf die Thematik "Sexualisierte Gewalt" ermöglicht es, in diesem Themenfeld ein umfassendes und ganzheitliches Angebot für betroffene Frauen und Mädchen zur Verfügung zu stellen. Das Angebot geht über eine allgemeine Lebens- und Sozialberatung hinaus. Dies ist notwendig, da sexualisierte Gewalterfahrungen von Frauen und Mädchen so vielfältig und teilweise so massiv sind, dass tiefgreifende Kenntnisse von unterschiedlichen Bereichen (Sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Sexueller Missbrauch, Kinderpornographie, etc.) für eine effektive Beratung erforderlich sind. Darüber hinaus sind die Opfer sexualisierter Gewalt oftmals so umfassend in ihrer Gesamtpersönlichkeit von den Folgen der Tat betroffen, dass vielfältige Problemlagen zu bewältigen sind (Arbeitsunfähigkeit, Betreuung der Kinder, ausländerrechtliche Fragestellungen, Drogenkonsum, etc.). Dies setzt einen entsprechend breit gefassten Beratungsansatz voraus. Die zum Teil schweren Traumatisierungen und die Kette von Gewalt, die in nicht wenigen Fällen mehrere Familiengenerationen umfasst, erfordern gleichfalls spezifische Ausbildungen (Psychotraumatherapie, etc.). und therapeutische Erfahrungen.

3. Organisationsstruktur und zentrale Arbeitsgrundsätze

Frauen-Notrufe werden von unabhängigen, gemeinnützigen Vereinen getragen, in denen sich Frauen für Frauen und Mädchen engagieren. Sie sind konfessions- und parteiunabhängig. Die einzelnen Frauen-Notrufe sind lokal je nach den örtlichen Gegebenheiten als eigenständige Beratungsstelle oder in gemeinsamer Trägerschaft mit einer Frauenberatungsstelle oder einem Frauenhaus organisiert. Entsprechend heterogen ist der Umfang des Angebotes und die Ausstattung vor Ort.
Frauen-Notrufe verfolgen in ihrer Arbeit einen parteilich-feministischen Ansatz. Die Wünsche, Interessen und die jeweiligen Anliegen der betroffenen Frauen und Mädchen stehen im Mittelpunkt. Die Beratung ist kostenfrei, erfolgt in einer geschützten Atmosphäre und ist auf Wunsch anonym. Die Mitarbeiterinnen unterliegen der Schweigepflicht.
Die Betroffenen werden aufgrund des ganzheitlichen Angebotes der Frauen-Notrufe nicht auf ihre Gewalterfahrungen reduziert. Durch die Kombination von akuter Krisenbewältigung, Beratung, Begleitung, Psychotraumatherapie, Präventionsarbeit, Sozialarbeit und langfristiger Hilfe wird den Betroffenen Unterstützung für die Bewältigung des Alltags gegeben und der Aufbau langfristiger Lebensperspektiven ermöglicht. Gute Erreichbarkeit der Frauen-Notrufe, möglichst geringe Wartezeiten, abgestimmte Beratungszeiten und niedrigschwellige Angebote sind weitere Organisationsprinzipien, die zur Verwirklichung eines effektiven Unterstützungsangebotes beitragen.

III. Infrastruktur und Vernetzung

Die Kombination von Spezialisierung und ganzheitlichem Angebot weist den Frauen-Notrufen eine Schlüsselstellung bei der Organisation und Koordination von Hilfsangeboten im Themenfeld "Sexualisierte Gewalt" zu. Viele Frauen-Notrufe sind ebenso Beratungsinstitutionen wie Anlauf-, Kontakt- und Informationsstellen.
Die Einrichtungen sind integriert in ein Netz von lokalen, regionalen und überregionalen Institutionen / Fachkräften. Die Vernetzung ermöglicht durch die vielfältigen persönlichen Kontakte eine schnelle und unbürokratische Hilfe im jeweiligen Einzelfall und trägt dazu bei, umfassende Hilfskonzepte unter Einbeziehung unterschiedlicher Kompetenzen und Qualifikationen zu verwirklichen. Darüber hinaus bewirkt die Informationsberatung und Fortbildung von Multiplikator*innen durch die gezielte Vermittlung von Fachwissen und Erfahrungen zum Thema sexualisierte Gewalt eine effektive Hilfe im jeweiligen Arbeitsfeld der verschiedenen Berufsgruppen. Der intensive Austausch innerhalb von Arbeitskreisen, Netzwerken und "Runden Tischen" mit Vertreter/innen der Polizei, Justiz, aus dem Gesundheitsbereich sowie Behörden, Ämtern und der Politik trägt darüber hinaus dazu bei, rechtliche Rahmenbedingungen zu verbessern und den Opferschutz auszubauen.
Der Landesverband autonomer Frauen-Notrufe NRW e.V. ist organisiert im Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe // Frauen gegen Gewalt e.V. (bff, Berlin).

Vernetzung leistet einen Beitrag, die Täter zur Verantwortung zu ziehen und die Opfer besser zu schützen.


 

IV. Forderungen und Erfolge

Mit Kontinuität und Durchhaltevermögen setzen sich die Mitarbeiterinnen von Frauen-Notrufen (bezahlt oder unbezahlt) in Nordrhein-Westfalen seit rund 30 Jahren für die Rechte und die Verbesserung der Situation von betroffenen Frauen und Mädchen und gegen sexualisierte Gewalt ein.

Unsere Forderungen sind:

  • eine wirksame Bekämpfung und konsequente Sanktionierung sexualisierter Gewalt auf allen gesellschaftlichen Ebenen,
  • die Entwicklung eines umfassenden staatlichen Handlungskonzeptes zum Schutz von Opfern sexualisierter Gewalt und dessen konsequente Umsetzung,
  • eine grundlegende Reformierung der gesetzlichen Grundlagen und der Rahmenbedingungen des Strafverfahrens im Sinne der Opfer sexualisierter Gewalt,
  • flächendeckende und ausreichende Finanzierung von Frauen-Notrufen und Beratungsstellen für Opfer sexualisierter Gewalt,
  • die Anerkennung von geschlechtsspezifischer Verfolgung und sexualisierter Gewalt als eigenständigem Flucht- und Asylgrund,
  • verpflichtende Fortbildung und Supervision für alle Personen, die in ihrem Arbeitsalltag mit betroffenen Frauen und Mädchen in Kontakt kommen,
  • die Gleichstellung und Gleichbehandlung aller betroffenen Frauen und Mädchen (z.B. Lesben, Frauen mit Behinderung oder Migrantinnen)
  • das Recht auf langfristige und staatlich finanzierte Therapie und / oder andere Formen der Hilfe für betroffene Frauen,
  • die Sicherung der Rechte betroffener Frauen in allen Institutionen und einen
  • sensiblen und respektvollen Umgang mit betroffenen Frauen und Mädchen.

Die Verbesserung der Situation von sexualisierter Gewalt betroffener Frauen und Mädchen ist vorrangiges Anliegen des Landesverbands autonomer Frauen-Notrufe NRW e.V..

Wir initiieren, kämpfen, unterstützen und setzen durch!

Bisherige Erfolge:

  • Schaffung von Sonderdezernaten bei der Staatsanwaltschaft,
  • Verpflichtung der speziellen Polizeifortbildungen für die Fachkommissariate der Polizei,
  • Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe (seit 1997) und
  • Einrichtung von Zeug/innen-Zimmern bei Gericht an einigen Orten in NRW
  • » nach oben

    LoginImpressumHome

    © Landesarbeitsgemeinschaft autonomer Frauen-Notrufe in NRW
    </body>